Info: Lorin Maazel entdeckt Wagner mit den Münchner Philharmonikern
Was man vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte: Dass sich Lorin Maazel, der künftige Chef der Münchner Philharmoniker, an diesem Abend in der Münchner Philharmonie als vorbildlicher Wagner-Dirigent outen würde. Maazel gilt zwar als Alleskönner, aber selten wird ihm dieses Prädikat zum positiven Verhängnis. Sicherlich überzeugte er weitgehend auch in der zweiten Konzerthälfte mit Anton Bruckners d-Moll-Symphonie, der Dritten in der letzten Fassung von 1889. Auch die begann überraschend klar, weil Maazel gleich von Beginn an den geballten Klang in unterschiedliche Farb- und Charakterschichten aufteilte: bewegt pulsierende Streicher, vollmundige Bläser, akzentuierendes Holz und Pauken. Und auch hier wirkte die Binnenprofilierung nicht stilistisch aufgesetzt oder gar erzwungen eigenwillig, sondern sie erwuchs beinahe wie von selbst aus dem dicken Klangfluss.
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Ähnliches galt für Motive und Hauptthemen, die Maazel nicht überdeutlich scharf herausstellen musste, um sie lesbar zu machen. Doch ganz entkamen Musiker und Dirigent der Brucknerschen Klangwalze dann doch nicht, die sich immer massiver in den Raum schob und am Ende vieles unter sich begrub, was zu einer neuen Hörweise von Bruckner hätte hinführen können. Ganz anders bei Wagner. Hier war es beinahe umkehrt. Zu Beginn der 'Tannhäuser'-Ouvertüre entstand ein seltsames Ungleichgewicht dadurch, dass Maazel ein eher ruhiges Tempo durchhielt. Und zwar sowohl für die lyrischeren Abschnitte, als auch für die hochdramatisch gesteigerten Exzesse und Eruptionen. Im ersten Fall wurde man von warm glühenden Streicherklängen eingelullt, alles erschien ein bisschen verklärt und trotzdem klar.
Doch das gleiche Tempo, das hier die sanfte Glut schürte, bremste die aufbrausenden hohen Streicher, die wahnwitzig aufgepeitschten Stellen manchmal so sehr, dass sie beinahe statisch wirkten, im Ergebnis eher plakativ als lebendig-dramatisch. Es waren allerdings auch noch nicht die letzten Fortissimo-Reserven mobilisiert. Doch dann entdeckte Maazel hinter der Glitzerfassade der großen Wagnerschen Gesten dieses schier undurchdringliche Geflecht von Neben-, Unter- und Mittelstimmen, aus denen heraus ganz andere und neue Bezüge herstellbar wurden. Im dichten Unterholz fand Maazel plötzlich die spannenden Ingredienzien Wagnerscher Klangmystik, und nun spielte Maazel seinerseits den Magier und zog ein Detail nach dem anderen aus dem Dschungel hervor und setzte es vor den Ohren des Publikums wieder zusammen.
Schlicht aufgetürmt und klar geschichtet ergab sich daraus noch stärkere Wirkung, als man sie in der kalkulierten Ungenauigkeit des Zusammenspiels gewohnt ist. Und dies ist die eigentliche Überraschung: Dass Maazels analytische Herangehensweise nicht in Sprödigkeit mündete, sondern in Wagnerscher Sinnenfreude. Wie anders aber könnte man sich an 'Isoldes Liebestod' so ganz ohne schlechtes Gewissen berauschen. Nach dieser faustischen Urgewalt fiel Bruckners Dritter dann eher die Rolle des Gretchens zu. HELMUTMAURÓ