Info: Nach dem Abgang von Landesmuseums-Direktor Jürgen Fitschen stellt sich im Land wieder einmal die Frage: Wohin steuert die Kultur in Schleswig-Holstein?
Kiel/schleswig. Zuletzt hatte kaum noch etwas auf diesen Personalwechsel hingedeutet. Die Wogen auf Schloss Gottorf schienen nach einem heftigen Sturm vor gut einem Jahr geglättet.
Damals hatte Jürgen Fitschen, Direktor des Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte, öffentlich Kritik am Stiftungskonstrukt geäußert - nicht nur der leitende Direktor Claus von Carnap-Bornheim und Ministerpräsident Peter Harry Carstensen als Vorsitzender des Gottorfer Stiftungsrates waren verärgert. Fitschen stand im Gegenwind, und es schien als würde er diesen aushalten. Jetzt aber kam doch die Trennung - und sie kam für die Öffentlichkeit ziemlich überraschend.
Fitschen hatte Pläne für Gottorf
Weniger überraschend klingt dagegen die Sprachregelung zu dem Abgang des vor gut zwei Jahren mit großen Ambitionen angetretenen Museumsmannes: Der Wechsel war sein Wunsch, der Dank des Ministerpräsidenten ist ihm gewiss und überhaupt: Alles gar nicht so dramatisch. Was gut klingt, bedeutet allerdings oft das Gegenteil.
Aber nicht nur die offizielle Sprachregelung ist es, die skeptisch macht und Raum für Spekulationen öffnet. Wer Fitschen noch vor kurzem reden hörte - etwa während der Ausstellungseröffnung von Antoni Tàpies -, wäre nicht darauf gekommen, dass dort jemand an seinem Abschied arbeitet. Fitschen hatte Pläne für Gottorf, die weit über das Jahresende hinausgingen. Schon allein deshalb liegt der Verdacht, dass sein Abschied nicht so freiwillig war, wie es offiziell verkauft wird, nahe.
Fitschen selbst äußert sich nicht mehr, und auch sonst halten sich alle an die wenigen, dürren Sätze, die der Ministerpräsident herausgegeben hat. Stillschweigen auf beiden Seiten wird ein Teil des Aufhebungsvertrages zwischen Fitschen und dem Stiftungsrat sein.
"Effektiv passiert da nichts"
Stillschweigen auf Gottorf also, Stillstand im kulturellen Rest Schleswig-Holsteins, auch wenn da mittlerweile immerhin gesprochen wird. Kulturminister Ekkehard Klug (FDP) hatte lange gewartet, ehe er den Dialog mit den Kulturträgern suchte, im Mai und Oktober dieses Jahres holte er jeweils über hundert Vertreter der Kultur zusammen, um mit ihnen über die Verteilung der dürftigen Mittel und die geplanten Kürzungen im Landes-Etat zu diskutieren.
Der Tenor bei den Teilnehmern der zum Kulturgipfel erhobenen Konferenz war anschließend fast deckungsgleich: Zumindest habe man mal gesprochen. "Es gibt aber nach wie vor keine Ergebnisse", sagt Rolf Teucher, Vorsitzender des Landeskulturverbandes. Und das, so Teucher, wird sich bis zu den Neuwahlen im Mai nächsten Jahres auch nicht ändern: "Was Herr Klug macht, ist reiner Aktionismus, effektiv passiert da nichts."
Dem widerspricht Thomas Schunck vom Kieler Kulturministerium: "Die Auswertung der jüngsten Konferenzen und der Arbeit in den Gruppen befinden sich in der Endphase." Die Entwicklung der richtigen Förderpolitik sei aber eine Aufgabe jenseits von Legislaturen, sagt der Sprecher von Kulturminister Klug.
Jeder kämpft für sich allein
Also kämpft weiterhin jeder für sich allein. Nicht weit vom Gottorfer Schloss ist dem Landestheater mit dem Schleswiger Theater ein zentraler Spielort weggebrochen - im wahrsten Wortsinne. Seitdem kümmert sich General-Intendant Peter Grisebach persönlich darum, die Entscheidung für einen Neubau anzuschieben. Im Dezember soll eine Entscheidung fallen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie viel Arbeitszeit dem engagierten Theatermacher noch für den künstlerischen Teil seiner Arbeit bleibt - viel kann es nicht sein.
Geschweige denn, dass man beim Landestheater die vom Land geforderte Zusammenarbeit zwischen den drei großen Theatern - Landestheater, Lübeck und Kiel - forcieren könnte. Schließlich gibt es im eigenen Haus genug zu tun. Und die Lenkungs- und die Arbeitsgruppen zur neuen Theaterstruktur unter der Leitung von Kulturminister Klug existieren eigentlich nur auf dem Papier.
"Jeder Euro Förderung fließt vierfach zurück"
Schleswig-Holstein ist bundesweit das Bundesland, das prozentual am wenigsten Mittel in die Kultur gibt. Und die Ausgaben wurden im Zuge des Haushaltskonsolidierungsprozesses weiter gekürzt. Der Kunstpreis des Landes wurde ebenso gestrichen wie der Kinopreis. Das Schleswig-Holstein Musik Festival musste 2010 seine Rücklagen von 1,1 Millionen Euro hergeben und soll trotz weiterer Kürzungen gleiche Qualität liefern. "2012 wird schwierig, weil wir dann über 200.000 Euro einsparen müssen", sagt SHMF-Intendant Rolf Beck, der auf den Wert öffentlicher Förderung verweist: "Jeder Euro staatlicher Förderung fließt fast vier Mal zurück in die Wirtschaft Schleswig-Holsteins."
Beck war es auch, der sich für den Erhalt des Landeskulturzentrums Gut Salzau eingesetzt hatte. Immerhin war dort lange die Orchesterakademie des SHMF untergebracht, auch Jazz Baltica, das unter dem Dach des Festivals weilt, hat hier nach wie vor seinen Sitz.
Das Land hatte das Herrenhaus 1986 für über drei Millionen Mark gekauft und allein von 2005 bis 2010 fünf Millionen Euro an Landesmitteln für den Erhalt und die Renovierung investiert. Seit Anfang des Jahres steht das ehemalige Rittergut nun zum Verkauf, bislang hat das Land allerdings noch keinen Abnehmer für die einstige Vorzeige-Immobilie der schleswig-holsteinischen Kultur gefunden. So ist es zum Symbol einer verfehlten Kulturpolitik geworden.
Fitschen-Nachfolger bis zur Landtagswahl?
Und auch der Weggang Jürgen Fitschens trägt zu diesem Eindruck bei. Eine Findungskommission hatte sich auf den Hoffnungsträger Fitschen geeinigt. Jetzt ist er statt der geplanten fünf nur gut zwei Jahre geblieben, ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Der muss ein schwieriges Amt übernehmen, nicht nur im Gesamtkonstrukt Gottorf seine Rolle als zweiter Mann hinter Claus von Carnap-Bornheim finden, sondern auch die Besucherzahlen nach oben treiben. Die waren unter Fitschen rückläufig - trotz eines musealen Traumsommers mit viel Regen.
Ob bis zur Landtagswahl ein Nachfolger für Fitschen gefunden wird, ist fraglich - dass auch diese Personalie Wahlkampfthema wird, nicht. Der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag Hans Müller hat schon einmal vorgelegt und der Landesregierung in der Kulturpolitik "restlose Überforderung" attestiert: "Die künftige Landesregierung wird sich nach den Landtagswahlen auch mit dieser Baustelle intensiv auseinander setzen müssen." Es wird im Kulturbereich nicht die einzige bleiben.