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Auch eine Kapuze hatte Gefühle

Info: Echter Pelz, falscher Pelz. Beobachtung auf einem Bahnsteig in der Kälte.

BERLIN –
Es war kalt auf dem Bahnhof. Der Zug hatte natürlich Verspätung, die Wartenden waren dick eingepackt. Ein hochgewachsener junger Mann neben mir trug einen dieser Parkas, die momentan in Mode sind, in einem gedämpften Grauton und mit pelzbesetzter Kapuze. Auch bei halbhohen Stiefeln schaut in diesem Winter ein schmaler Streifen Pelz übern oberen Rand. Komisch, wo solche Moden herkommen – seit den 80ern schien der Pelz für die Alltagsmode passé. In den damaligen Kampagnen wurden immer dieselben Fotos gezeigt, von Fallen, abgebissenen Gliedmaßen, kleinen Käfigen und wunden Pfötchen. Man mochte diese Flugblätter und Aufkleber irgendwann nicht mehr sehen. Der Pelz starb aus. Wenn man ihn jetzt wiederauferstehen sieht, denkt man, es sei Kunstpelz
Doch der Pelz um den Hals des jungen Mannes sah nicht weniger echt aus als das Fell meiner Katzen, nur bräunlicher. Die Einfahrt des Zuges verzögerte sich weiter, es kam zum Blickkontakt. „Ist der Pelz an Ihrer Kapuze echt?“, fragte ich. Der junge Mann machte kugelrunde Augen und schlug, ungelogen, die behandschuhten Hände vor den Mund. „Das hoffe ich nicht!“, sagte er. „Ich hab’s mir ehrlich gesagt auch schon überlegt.“
Irgendwie süß. „Ich find’ aber, er sieht ziemlich echt aus“, sagte ich. „Was mag das sein, vielleicht Waschbär?“Vielleicht steckt in jedem adoleszenten Mann ein kleines Mädchen. Die Augen von diesem hier jedenfalls wurden noch kugelrunder, er krümmte schamgebeugt den langen Rücken. „Oh nein!“, rief er, als hätte ich unterstellt, er habe das Tier mit eigenen Händen erschlagen und gehäutet. Ich war froh, dass ich nicht „Kaninchen“ gesagt hatte, und wir beide nahmen mit Erleichterung wahr, dass nun endlich der Zug heranschlich.
Wie dieser junge Mann glauben laut Berichten des deutschen Tierschutzbundes viele Verbraucher aufgrund der niedrigen Preise, sie hätten es mit Kunstpelz zu tun. Oder mit Resten. Tatsächlich aber wird die Hälfte des Umsatzes des europäischen Pelzgeschäfts nicht etwa mit Luxus-Pelzmänteln, sondern mit solchen Verzierungen gemacht. Manchmal erfinden die Hersteller Fantasienamen wie „Chinchillette“ für Kaninchen.
Nicht einmal im Einzelhandel weiß man über die Pelzborten genau Bescheid, woher auch? Ich ging in einen Outdoor- und in einen Schuhladen, die Verkäuferinnen und ich drehten mehrere Stiefel mit Pelzbesatz um, suchten nach Schildchen. Ob der Pelz echt war, und wenn ja, von welchem Tier, fanden wir nicht heraus.
Eine interessante Neuigkeit fand ich dagegen beim „Deutschen Pelzinstitut“, einer Interessenvertretung der Kürschner. Dieses Institut hat einen Professor gefunden, der verlautbart, dass, erstens „man den Zustand der Tiere nicht mit unseren Gefühlen vergleichen kann“; dass zweitens „weder die Gehegegröße noch die aus Gründen der Hygiene eingeführten Drahtflechtböden einen nennenswerten Einfluss auf das Stressniveau der Tiere haben“; dass, drittens „jedoch die Verfügbarkeit eines Nestkastens große Wichtigkeit besitzt, in dem die Tiere einen Rückzugsort finden und in dem zum Beispiel Nerze 72 Prozent ihrer Zeit verbringen“.
Manchmal fragt man sich ja, ob Professoren ihr Amt auf dieselbe Weise erwerben können wie gewisse Minister ihre Doktortitel. Doch zugestanden: Dass Rückzugsräume wichtig sind, wird keiner bestreiten. Ob aber der vom Pelzforscher beobachtete Nerz so oft in seiner Höhle sitzt, weil sie ihm so gut gefällt, oder weil er verängstigt ist und ansonsten auch nicht viel zu tun bleibt, sei dahingestellt. Nach dem Gesetz steht Füchsen drei Quadratmeter Fläche pro Tier zu, Nerzen jeweils ein Quadratmeter Fläche plus ein Quadratmeter Schwimmbecken. In Freiheit durchstreifen die Tiere Reviere von mehreren Quadratkilometern.
Ursprünglich hatte mich die Neugier angetrieben, woher der Pelz an der Kapuze stammte. Vermutlich von Fuchs, Bisam oder Waschbär. Eventuell aus China oder Deutschland (hierzulande gibt es noch mindesten zwei Dutzend Pelzfarmen). Seitdem habe ich Fotos gesehen, deren Beschreibung ich keinem Leser, der mir bis hierher seine Zeit geschenkt hat, zumuten will, und mal ehrlich: Die Details sind für das Tier, das diese Kapuze einmal war, letztlich egal..

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